Qualitätszirkel in der Reisemedizin
 
Seit jeher hat die Qualitätssicherung in der Medizin einen hohen Stellenwert. Sie wird bereits in der Antike beschrieben. Vorschriften zur Einhaltung von Standards in der ärztlichen Versorgung finden sich im Kodex von Hammurabi, auf altägyptischen Papyri und bei Aristoteles (Ruprecht 1993).

Im deutschen Gesundheitswesen wird Qualitätssicherung schon immer praktiziert, häufig allerdings ohne dass die entsprechenden Maßnahmen mit dem Begriff der Qualitätssicherung belegt waren.

In der ambulanten Versorgung werden vorzugsweise Qualitätszirkel als Maßnahme des Qualitätsmanagements gewählt. Allgemeine Ziele qualitätssichernder Maßnahmen sind die Verbesserung ärztlichen Handelns, die Zufriedenheit der Patienten, die Verbesserung von Organisationsabläufen sowie von strukturellen Gegebenheiten in und außerhalb der Praxis. Vor allem sollen adaequate Lösungsstrategien für bestehende Problemfelder entwickelt und im Praxisalltag umgesetzt werden.

Prinzipiell sind zwei methodisch unterschiedliche Strategien für die Qualitätszirkelarbeit möglich, um die hausärztliche Kompetenz zu verbessern (Fischer 1995):
  1. die Funktion einer "sich selbst fortbildenden Kleingruppe": Diskussion und Übernahme von Empfehlungen und Standards, fortlaufende Aktualisierung des Kenntnisstandes
  2. das Beschreiben und Analysieren des täglichen Routinehandelns mit dem Ziel, übertragbare Leitlinien aus dem Qualitätszirkel selbst zu entwickeln
 
Welche Bedeutung haben Qualitätszirkel gerade in der Reisemedizin?
  • Die Reiselust der Deutschen ist immer noch recht groß: im letzten Jahr verbuchten die Reiseveranstalter rund 52 Mill. Auslandsreisen, davon über die Hälfte in Länder mit erhöhten Gesundheitsrisiken, ca. 4 Mill. in die Tropen oder Subtropen (DRV 2003).

    Untersuchungen zeigen, dass rund die Hälfte der Reisenden Gesundheitsprobleme bekommt, vor allem in tropischen und subtropischen Ländern. Jeder dritte Reisende leidet an Diarrhoe, jeder zwölfte benötigt unterwegs oder nach Rückkehr ärztliche Hilfe.

    Jeder fünfzigste ist nach der Reise arbeitsunfähig und jeder 1700ste kann seine Reise nicht wie geplant durchführen und ist auf einen Rücktransport angewiesen. Fast 90% dieser Gesundheitsprobleme sind auf Unwissenheit, Leichtsinn und Fehlverhalten zurückzuführen.
  • In den reisemedizinischen Praxisfeldern sind Ärzte nicht nur mit den geographischen und epidemiologischen Besonderheiten der Reiseländer und den dortigen Infektionsrisiken konfrontiert, sondern ebenso mit dem Management vorbestehender Erkrankungen der Reisenden im somatischen und psychischen Bereich, den Besonderheiten bestimmter Bevölkerungsgruppen wie Kleinkinder, Senioren oder Schwangere, den speziellen Fragestellungen bei Langzeitaufenthalten oder bei der Ausübung diverser Sportarten und nicht zuletzt mit der Diagnostik und bis zu einem gewissen Grad auch mit der Therapie von Erkrankungen bei Rückkehrern.

    Unter Berücksichtigung dieser Mehrdimensionalität ist eine Erstellung einfacher und verbindlicher Handlungsleitlinien und Standards nur begrenzt möglich.

    Gerade weil die Reisemedizin kein regulärer Bestandteil ärztlicher Ausbildung darstellt, in ihrer Mehrdimensionalität weit über die Inhalte der Tropenmedizin hinausgeht, zu vielen Fragestellungen keine oder wenig Literaturquellen zur Verfügung stehen, sie einem ständigen Wandel unterliegt und in ihrem präventivmedizinischen Anteil mit der Compliance des Reisenden in besonderem Maße zu kämpfen hat, ist der kollegiale Handlungs- und Erfahrungsaustausch zur Erarbeitung ärztlicher Strategien besonders wichtig.

    Qualitätszirkel bieten den teilnehmenden niedergelassenen Ärzten ein Forum, in kollegialer Diskussion ihr präventives, diagnostisches und therapeutisches Vorgehen darzustellen und zu vergleichen. Sie arbeiten auf freiwilliger Basis und haben eine Gruppengröße von 8-12, höchstens 20 Teilnehmern, die sich in 4-8 wöchigen Abständen treffen. Erst dieser kontinuierliche Austausch in einer gleichbleibenden Gruppenzusammensetzung ermöglicht eine interkollegiale Reflexion des ärztlichen Handelns und die Vertrauensbasis für eine offene Gesprächsatmosphäre.
Die Themenfelder werden von den Teilnehmern selbst gewählt. Folgende Vorgehensweisen sind möglich:
  • Es können Fallbeispiele aus der Praxis vorgetragen, analysiert und diskutiert werden, wie z.B. die Frage, ob ein Reisender für eine 6-wöchige Trekkingtour durch Nepal gegen Tollwut oder ein Badeurlauber in Kenia gegen Gelbfieber geimpft werden sollte. Oder welche Malariavorbeugung ein Reisender bei einem Langzeitaufenthalt in Westafrika durchführen soll. In vielen Fällen gibt es nicht die eine mögliche Antwort; entscheidend ist, die verschiedenen Gesichtspunkte zu beleuchten und zu diskutieren, auch wenn es letztendlich eine individuelle Entscheidung für den jeweiligen Einzelfall bleibt. Aber gerade das ist ja in der Reisemedizin nicht selten.

    Ergänzend zum Fallbeispiel kann das jeweilige Thema wie beispielsweise Tollwut, Gelbfieber oder Malaria nochmals von einem Teilnehmer des Qualitätszirkels anhand neuester Literatur aufgearbeitet und so das Wissen der Teilnehmer aufgefrischt und aktualisiert werden.
  • Ebenso kann sich der Qualitätszirkel mit spezifischen Problemfeldern der reisemedizinischen Beratung wie Problemen chronisch kranker Reisender (Diabetes mell., Immunsuppression, Medikamenteninteraktionen mit Malariamedikamenten) oder mit schwierigen Beratungssituationen (Langzeitaufenthalten) und Problemen der Compliance (Ablehnung von Impfungen, Risikoverhalten…) befassen.
  • Probleme der Diagnostik und Therapie bei erkrankten Rückkehrern (Fieber, Diarrhoe…) können diskutiert werden.
  • Auch unabhängig von aktuellen Fallbeispielen können ausgewählte Themen von Mitgliedern des Qualitätszirkels oder durch externe Referenten vorgetragen und diskutiert werden: Themen, die im Beratungsalltag seltener vorkommen oder bei denen ein Defizit im aktuellen Wissensstand empfunden wird.
  • Ebenso bereichern Berichte über Fortbildungsveranstaltungen und Kongressteilnahmen die Qualitätszirkel-Sitzungen und tragen zur Auffrischung und zum Erwerb von Wissen bei.
  • Nicht zuletzt spielt die organisatorische Integration in den Praxisalltag eine nicht unwesentliche Rolle und kann im Rahmen der Qualitätszirkelarbeit thematisiert werden.
Die Teilnehmer überprüfen ihre eigene Tätigkeit und durchlaufen einen Lernprozess, der ihre eigenen Erfahrungen einbezieht bzw. auf ihnen aufbaut. Er stärkt die Fähigkeit zur Selbstbeurteilung und Selbstreflexion. Die eigene Tätigkeit wird mit dem Stand der empirischen Forschung verglichen und aktualisiert.

Die positiven Auswirkungen dieser Bemühungen zeigten sich auch im Rahmen eines Modellprojekts in Südbaden und der damit verbundenen Evaluation der Qualitätszirkelarbeit (Tausch B, Härter M, 1996). Es wurden von den mitwirkenden Ärzten die Erweiterung der eigenen Kompetenz, die Zufriedenheit mit dem eigenen ärztlichen Handeln und eine bessere Zusammenarbeit mit anderen Kollegen hervorgehoben.

Jeder zehnte Teilnehmer sah nicht nur eine positive Auswirkung auf seine Arbeitsbedingungen, sondern auch auf die berufspolitischen Rahmenbedingungen. Dies ist ein zusätzliches wichtiges Argument für Qualitätszirkel in der Reisemedizin, auch und gerade im Hinblick auf die Bemühungen des Fachverbands, die Reisemedizin als eigenständiges Fachgebiet zu etablieren.

Dr. Rosemarie Mazzola
 
Ziele der Qualitätszirkelarbeit
  • "Qualitätssicherung" des eigenen ärztlichen Handelns
  • Orientierung der eigenen Tätigkeit am Stand der empirischen Forschung unter Einbeziehung der lokalen Besonderheiten
  • Erarbeitung von Handlungsleitlinien für den Praxisalltag
  • Stärkung der Fähigkeit zur Selbstbeurteilung und Selbstreflexion
  • Auffrischen und Erwerb von Wissen
  • Verbesserung der "Patienten"versorgung
Grundelemente der Arbeit im Qualitätszirkel
  • Freiwillige Teilnahme
  • Kontinuierliche Zirkeltreffen in 4-8 wöchigem Abstand (mindestens 6x/höchstens 10x im Jahr)
  • Eigene Expertenschaft der Teilnehmer
  • Fester Kreis von 6-12 (-20) Teilnehmern