Reisemedizinisches Netzwerk etabliert sich
Plattform zur Bearbeitung reisemedizinischer Fragestellungen

Die Reisemedizin hat sich in den vergangenen Jahren als interdisziplinäres, präventiv orientiertes Gebiet etabliert. Nach der Charakterisierung reiseassoziierter Risiken (1) ist die Beschreibung und Evaluation des Beratungsgeschehens und der Effektivität präventiver Maßnahmen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Während die Datenlage zur Schutzwirkung von Impfungen und zur Malariaprophylaxe sicher ist, sieht dies bei den Empfehlungen zur Hygiene, zur Thromboseprophylaxe unterwegs und ähnlichen Aspekten wesentlich schlechter aus, erst recht bei der Frage des Umganges mit bestehenden Vorerkrankungen unterwegs. Dies betrifft zum Teil die Effektivität der Ratschläge selber, zum Teil aber auch die der Beratungssituation im Hinblick auf mitarbeitsabhängige Präventivstrategien. Will man daran etwas ändern, so bedarf es eines realitätsnahen Abbildes der Beratungspraxis und einer nicht nur kurzfristig etablierten Möglichkeit zum „Nachkontakt“ zu Reisenden.

Der Deutsche Fachverband Reisemedizin (DFR) hat sich zur Aufgabe gemacht, eine Plattform zu schaffen, die die Bearbeitung solcher Fragestellungen ermöglicht. Dazu rekrutiert er aus seinen Reihen Beratungsstellen, die bereit sind, sich an der Bearbeitung von reisemedizinischen Fragen zu beteiligen. Dieses Netzwerk umfasst Praxen verschiedener fachlicher Ausrichtung, arbeitsmedizinische Dienste, Beratungsstellen an Gesundheitsämtern und Krankenhäusern. Dieser Beitrag soll die in einer Umfrage erhobenen Daten zur Struktur und Beratungsaktivität vorstellen und damit auch die Möglichkeit bekannt machen, auf eine solche Struktur zurückzugreifen.

DFR-Mitgliederbefragung
Das Netzwerk geht zurück auf eine Mitgliederbefragung des DFR Anfang 2005, die zur Mitarbeit in einem Netzwerk für wissenschaftliche Fragestellungen einlud. Von den rund 800 Mitgliedern meldeten sich innerhalb weniger Wochen 109 Stellen, seither wird Neumitgliedern die Mitarbeit regelmäßig angeboten. Es zeigte sich bei der Auswertung der 109 Antworten, dass die beteiligten Kollegen vor allem Allgemeinmediziner (63,3%) oder Internisten (22,9%) sind (Abb. 1). Sechs der Kollegen sind Fliegerärzte, zwölf (11%) bzw. elf (10,1%) Kooperationspartner sind tropenmedizinisch bzw. durch Basiskurs der Gesellschaft für Tauchund Überdruckmedizin (GTÜM) qualifiziert. Tauchmedizinische Untersuchungen führen 62 Stellen (56,9%) durch.

Die meisten Mitglieder arbeiten in freier Praxis (89,9%) (Abb. 2). Beim Einsatz des Netzwerkes für präventive Fragestellungen ist die Häufigkeit von Beratungen pro Woche offensichtlich von Bedeutung. Abbildung 3 zeigt, wie viele Beratungsstellen wie häufig pro Woche Beratungen durchführen. Der Schwerpunkt liegt bei ein bis vier solchen Konsultationen pro Woche (65 Nennungen, 59,6%). Interessant ist die zweigipflige Verteilung. Multipliziert man die Beratungshäufigkeiten mit der Zahl der Nennungen, so erhält man näherungsweise Absolutzahlen für die Anzahl der Beratungsgespräche, die kleine, mittlere und große Beratungsstellen zum Gesamtaufkommen von etwa 596 Beratungen pro Woche im Netzwerk beitragen (Abb. 4). Auch hier zeigt sich eine Zweigipfligkeit – etwa ein Drittel der Beratungsaktivität wird von den zwölf größten Beratungsstellen geleistet.









Auch der ärztliche Zeitaufwand je Beratung ist von Bedeutung, wenn man die Situation für Datenerhebungen nutzen will. Hier zeigt sich eine weite Divergenz zwischen zehn und 30 Minuten, aber auch bis zu 60 Minuten Dauer (Abb. 5). In 41 Stellen ist ein Patienten-Recall-System bereits in Funktion. Daneben wurde zur Ausstattung der Beratungsstelle hinsichtlich diagnostischen und Kommunikationsmitteln gefragt, hier zeigt sich ein recht einheitlich hohes Ausstattungsniveau (Abb. 6).







Nun müssen Beratungsabläufe und -inhalte konkretisiert werden

Mit dem Netzwerk steht eine Struktur zur Verfügung, mit der sich verschiedene Fragestellungen bearbeiten lassen. So kann ein terminierter Recall für beratene Reisende etabliert und im Vorher-/Nachher- Vergleich die Auswirkung prädisponierender Faktoren oder von Schutzmethoden beurteilt werden. Die Zusammensetzung der Beratungsstellen mag dabei der Realität der reisemedizinischen Landschaft näher kommen als die Ambulanzsituation in Großinstitutionen. Besonders aber könnte aus der Verknüpfung mit der hausärztlich vorhandenen Information über Diagnosen und Vormedikation Nutzen für die Zusammenstellung von Gruppen gezogen werden, die für eine bestimmte Fragestellung besonders interessant sind. Es wird jetzt erforderlich sein, die Beratungsabläufe und -inhalte weiter zu charakterisieren.

Dr. B. Rieke, Vorstandsmitglied des DFR

Literatur
1. Behrens RH, Steffen R. Travel Medicine, In: Cook GC, Zumla A (eds). Manson’s Tropical Diseases (21st edn). London, 2003