Netzwerk reisemedizinischer Beratungsstellen in Gründung
Reisemedizin - eine Wissenschaft? Wir stehen hinsichtlich einer empirischen Fundierung unserer Querschnittsdisziplin noch in den Anfängen. Dies gilt nicht so sehr für die Quantifizierung einzelner Erkrankungsrisiken als vielmehr für die Effizienz präventiver Maßnahmen jenseits von Impfung und Malariaprophylaxe und vor allem für die Frage, wie gut unsere moderne Medizin noch funktioniert, wenn sich der Patient auf Reisen begibt. Wenn wir also ernsthaft an diesen Defiziten arbeiten wollen, werden wir um eine systematische, wissenschaftliche Beobachtung nicht umhin kommen. Dazu aber brauchen wir eine Kooperation von Kollegen, die regelmäßig Reisende beraten und die durchaus in verschiedenartigen Institutionen, vom Krankenhaus über das Gesundheitsamt bis zur Praxis, tätig sein können. Der Deutsche Fachverband Reisemedizin hat daher Ende des vergangenen Jahres mit einer Mitgliederumfrage interessierte Kollegen gesucht, die bereit sind, an solchen Fragestellungen mitzuarbeiten. Der Erfolg unserer Umfrage war sehr erfreulich: Rund 100 Stellen haben sich gemeldet, Daten zu Beratungshäufigkeit und normalem Zeitaufwand angegeben und sich im Grundsatz bereiterklärt, mitzumachen.

Hier ein paar Punkte als Eckdaten: Von den kooperierenden Beratungsstellen sind 35 Gelbfieber-Impfstellen. Insgesamt werden etwa 650 Beratungen pro Woche durchgeführt. Der Zeitaufwand pro Beratung liegt etwa bei 20 Minuten, wobei einige Streuung festzustellen ist. Diese Kerngruppe ist durchaus noch erweiterbar. Wer sich hier noch einbringen will, kann die Fragebögen zur Registrierung von der Geschäftsstelle noch einmal anfordern. Die Chance liegt darin, in einem solchen Netzwerk eine einigermaßen planbare Zahl an Beratungen oder anderen Kontakten zu definieren und dann dieses Quorum auf bestimmte Kriterien hin zu selektieren. Dabei ist der Phantasie keine Grenze gesetzt. Von besonderem Interesse mögen im Einzelfall bestimmte Altersgruppen, Impfantigene, Herkunfts- oder Zielländer, Vorerkrankungen, Begleitmedikationen, anamnestische Merkmale, oder Ähnliches sein. Solche Reisenden wären dann unter bestimmten Aspekten zu beraten und zu beobachten, wahrscheinlich auch zu definierten Zeitpunkten nach zu untersuchen.

Gleichzeitig sind viele der Stellen auch in der Lage, eine evtl. erforderliche Diagnostik auszuführen und zu übermitteln, ohne dass solche Strukturen erst geschaffen werden müssten. Damit stellt sich ein kostenneffektives setting für verschiedene Szenarien dar, das natürlich einer zentralen Koordination und auch Qualitätskontrolle bedarf. Eine ganze Liste möglicher Anwendungsfälle tut sich auf, die auch für Kooperationspartner von großem Interesse sein wird. Einzelne entsprechende Kontakte gibt es bereits. Nur so aber kann es gelingen, gerade im Bereich der Prävention und der Frage des Verhaltens von Vorerkrankungen Schritt für Schritt Evidenz zu schaffen und damit den immer wieder gehörten Vorwurf einer mangelnden empirischen Absicherung der "üblichen" Ratschläge zu entkräften.

Burkhard Rieke